Felix Becker: Herr Dr. Altstaedten, Sie haben Tiermedizin in München studiert und leben heute in Wiesbaden. Als Tierarzt praktizieren Sie seit 43 Jahren und besitzen zudem einen ausgezeichneten Ruf als Wildlife-Tierarzt. Sie sind erfolgreicher Buchautor und deutschlandweit bekannt als TV-Tierarzt „Dr. Wolf“. Seit über zehn Jahren engagieren Sie sich aktiv für den Erhalt der vom Aussterben bedrohten Afrikanischen Wildhunde.

Dr. W. Altstaedten: Ja, seit 18 Jahren bin ich regelmäßig mehrmals im Jahr in Namibia und habe dort inzwischen auch eine Wohnung.

F. Becker: Wann hatten Sie den ersten Kontakt mit Afrikanischen Wildhunden?

Dr. W. Altstaedten: Den ersten Kontakt hatte ich bei meinen zahlreichen Besuchen auf Wildtierfarmen vor zehn Jahren auf der Harnas Lodge, auch als Wildtierwaisenhaus im deutschen Fernsehen bekannt. Dort haben wir für unsere Fernsehsendung „hundkatzemaus“ einer Gruppe Afrikanischer Wildhunde Blut für wissenschaftliche Untersuchungen abgenommen. Der Afrikanische Wildhund, auch „Painted Wolf“ genannt, hat mich nicht nur wegen seiner faszinierenden bunten Farbgebung und seiner riesigen Ohren begeistert, sondern auch wegen seiner einmaligen Eigenschaften, wie zum Beispiel seines Sozialverhaltens innerhalb des Rudels, und seines Jagdverhaltens im Verbund, was ihn zum erfolgreichsten Jäger Afrikas macht.

F. Becker: Was verbindet Sie persönlich mit der Naankuse Stiftung?

Dr. W. Altstaedten: Viele Besuche auf Naankuse haben zu einer persönlichen Bindung zu den Gründern Marlice und Rudi geführt. Marlice stammt von der Harnas Lodge und ist mit Rudi, einem Arzt und bekannten Sportler aus Namibia, verheiratet. Beide haben sich zum Ziel gesetzt, die ihnen anvertrauten Tiere wenn möglich wieder auszuwildern und so bedrohte Tierarten wie den Afrikanischen Wildhund in freier Natur zu erhalten.
Als ein Farmer sie anrief, dass auf seinem Gelände ein Bau mit 13 circa vier Wochen alten Welpen des Afrikanischen Wildhundes gefunden wurde, machten sie sich sofort auf den Weg, um die Welpen nach Naankuse zu holen und sie aufzuziehen mit dem Ziel, sie später wieder auszuwildern. Das Engagement aller Beteiligten, auch des deutschen Zoologen Florian Weise, bei der nicht immer leichten Aufzucht der Welpen hat mich begeistert.

F. Becker: In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie Sie einer Gruppe Afrikanischer Wildhunde ein Hormonpräparat unter die Haut injizieren. Wie kam es dazu?

Dr. W. Altstaedten: Es handelte sich bei der Gruppe um die 13 aufgezogenen Welpen, die inzwischen anderthalb Jahre alt waren. Es ging darum, Inzucht unter Geschwistern zu verhindern. Im Gegensatz zu unseren Haushunden, bei denen die Hündinnen erstmals mit circa sieben Monaten heiß werden, werden die weiblichen Afrikanischen Wildhunde erst mit zwei Jahren das erste Mal heiß. Mit dem Hormonimplantat wollten wir das Auftreten der Hitze verhindern bzw. hinausschieben und später die männlichen und weiblichen Geschwister trennen und versuchen, sie mit Tieren aus fremden Rudeln zu vergesellschaften.

F. Becker: Als die Afrikanischen Wildhunde zur Hormonimplantation betäubt waren und von Ihnen untersucht wurden, konnten Sie da anatomische Unterschiede gegenüber unseren Haushunden ausmachen?

Dr. W. Altstaedten: Afrikanische Wildhunde könnte man eher mit Windhunden mit großen Ohren vergleichen. In ihrer Anatomie ähneln sie schon sehr unseren Haushunden.

F. Becker: Sie hatten sicher auch schon einmal mit Wölfen zu tun. Gibt es einen gefühlten Unterschied gegenüber den Afrikanischen Wildhunden?

Dr. W. Altstaedten: Ja, ich hatte sehr häufig mit der Betreuung von Wölfen in Wildparks zu tun. Afrikanische Wildhunde sind ausgewachsen, kleiner als Wölfe. Wissenschaftlich ist der Wolf ja Stammvater unserer Haushunde. Bei der Einordnung des Afrikanischen Wildhundes im Stammbaum von Hunden und Wölfen gehen die Forscher davon aus, dass der Afrikanische Wildhund in der Entwicklung noch eine Abzweigung vor dem Wolf ist. Danach ist der Afrikanische Wildhund wahrscheinlich älter als der Wolf und eventuell sogar sein Stammvater.

F. Becker: Welche Charaktereigenschaften bei den Afrikanischen Wildhunden sehen Sie auch bei unseren Haushunden?

Dr. W. Altstaedten: Das Sozialverhalten! Zum Teil ist das Sozialverhalten im Rudel sogar noch besser als bei unseren Haushunden. Einmalig ist, dass die Schwachen und die Welpen zuerst fressen dürfen.

F. Becker: Herr Dr. Altstaedten, abschließend hätte ich gerne von Ihnen gewusst, worin Sie das größte Hindernis für die Bewahrung der letzten noch lebenden Afrikanischen Wildhunde sehen.

Dr. W. Altstaedten: Das größte Hindernis sehe ich darin, dass dem Afrikanischen Wildhund sein Lebensraum genommen wird durch immer größere und mehr Farmen, die ihr Land für Rinder, Schafe und Ziegen einzäunen. Wildhunde werden gnadenlos abgeschossen, oft überfahren oder auch von Haushunden mit tödlichen Krankheiten infiziert. Zum Glück findet mancherorts ein Umdenken der Farmer statt und man akzeptiert, dass Afrikanische Wildhunde genauso wie Geparden zur afrikanischen Wildnis gehören und man sie schützen sollte. Hoffentlich ist es noch nicht zu spät und unsere Enkel können noch den „Painted Wolf“ bewundern.